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Filmrezension: Samos on Fire - Songs in Asylum

Der Kurzfilm Samos on Fire - Songs in Asylum, unter der Regie von Fareid Atta und produziert von Cameron Brown, folgt neun Monate lang vier jungen Männern mit einer Leidenschaft für Musik, die im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Samos leben. Nach der Premiere im Juni 2022 in Cambridge folgten zahlreiche Filmvorführungen in ganz Europa. Der Regisseur Fareid Atta und Produzent Cameron Brown wurden außerdem mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.


Musik im Camp


Im Film erzählt Regisseur Fareid Atta von seinen eigenen Erfahrungen während seines Aufenthalts auf der Insel und stellt die Protagonisten des Films jeweils kurz vor. Dabei hält er sich nicht lange mit deren Hintergründen auf. Nur kurz beleuchtet er die Hauptgründe, die Yorro, Ezekiel, Emile und Bozan dazu zwangen, ihre Heimat zu verlassen und sich auf eine Reise zu begeben, die sie schließlich nach Vathy führte. Danach geht es schnell um Musik.


Schließlich ist dies das zentrale Thema des Kurzfilms. Wie Atta in den ersten Minuten des Films erklärt, geht es um “Menschen, die mit Hilfe der Musik das Beste aus einer verzweifelten Situation gemacht haben”. Trotzdem versäumt Atta es nicht, die Zuschauer*innen an den Sommer 2015 zu erinnern, als Tausende von Menschen von der türkischen Küste aus auf die Insel gelangten. UNHCR schätzt, dass im Jahr 2015 etwa eine Million Geflüchtete in Europa ankamen. Die Zahl der Menschen, die in überfüllten Lagern festsitzen, ist bis heute hoch. Ebenso die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, die sich in den letzten Jahren alles andere als verbessert haben. Nachdem Atta 2020 nach Samos gezogen war, um als Übersetzer zu arbeiten, beschloss er, achtzehn Minuten dem Leben von vier Männern aus Afrika und dem Nahen Osten zu widmen. Sie haben ihn, wie er sagt, durch ihren starken “Ehrgeiz, jeden Tag ein bisschen besser zu machen als den letzten” wie auch durch ihr Ziel, durch Musik eine Verbindung zu ihrer Heimat zu bewahren, besonders beeindruckt.


Gemeinschaft trotz Krisen und Verunsicherung


Das Ergebnis ist ein bewegender Kurzfilm, der starke Emotionen erzeugt, ohne auf Klischees zurückzugreifen. Stattdessen schwillt die emotionale Wirkung langsam an und überwältigt den Zuschauer*innen organisch - so wie Musik es tut. Was die Musik selbst betrifft, so schafft es Atta, sie sowohl zur Untermalung vieler seiner Aufnahmen zu verwenden als auch an angebrachter Stelle in den Fokus zu rücken. . Im letzten Drittel des Films erzählt der Regisseur von den Notsituationen die er in seiner Zeit auf Samos miterlebt hat: Stürme, Erdbeben und zwei verheerende Brände zerstörten große Teile des so genannten “Dschungel” des Camps, wodurch über tausend Menschen ihre provisorischen Unterkünfte verloren. Auch der Ausbruch der COVID-19-Pandemie traf die Bewohner*innen des Vathy-Camps härter als andere in Europa. Die Szenen dieser furchtbaren Ereignisse dauern nicht lange an. Kurz danach zeigt Atta eine Aufnahme von zwei Kindern, die Gitarre spielen - “das Leben geht weiter”, stellt er fest. Und der Film tut es auch. Die letzten vier Minuten des Films stellen etwas wie den emotionalen Höhepunkt dar.


Im letzten Teil von Samos on Fire filmt Atta eine, wie er es nennt, “letzte Aufführung einer Versammlung der Musiker”, die für einen Freund organisiert wird , der das Lager Ende Januar 2021 verlässt. Inmitten der bunten Zelte werden Plastikstühle in einem Kreis auf dem verkohlten Boden aufgestellt. Verschiedene Instrumente werden aufgebaut. Für die nächsten drei Minuten gibt es keinen Begleitkommentar von Atta, nur kurze Ausschnitte der Protagonisten werden in die ansonsten überwältigende musikalischen Darbietungen eingefügt. “Es ist so wunderbar”, sagt Yorro zur Kamera gewandt, “all diese verschiedenen Länder zu sehen”, während er darüber nachdenkt, wie lange sich die Camp-Bewohner*innen, die alle aus unterschiedlichen Ländern stammen, schon kennen und wie sie durch die Musik zusammenkommen. Ezekiel trägt seinen Rap-Song live vor, und eine kleine Menschenmenge versammelt sich um ein junges Mädchen, die die Führung bei einem Gospel-Lied übernimmt.

Ein Hoffnungsvolles, aber Ehrliches Ende


Samos on Fire - Songs in Asylum ist weder traurig noch besonders fröhlich. Es ist ein Film über die Überwindung extremer Widrigkeiten durch Musik und Gemeinschaft. Obwohl er weniger als zwanzig Minuten dauert, schafft er es irgendwie, den Alltag in einem der überfülltesten Geflüchtetenlager Europas inmitten multipler Krisen darzustellen. Die Ehrlichkeit des Films zeigt sich besonders in der allerletzten Szene, in welcher der jeweilige Aufenthaltsort der Protagonisten im Jahr 2022 mitgeteilt wird. Zwar haben sie alle Vathy verlassen, doch keiner von ihnen konnte bisher aus Griechenland weiterziehen. Emile und Bozan leben in anderen Lagern: Ritsona, etwa 70 Kilometer von Athen und Granitis, etwa 20 Kilometer südlich der bulgarischen Grenze. Ezekiel ist nach Athen umgezogen. Yorro ist seit Mai 2021 ebenfalls in Athen und wird für vier Tage pro Woche als Schlagzeuger bezahlt.


Obwohl der Film mit gemischten Gefühlen endet - Erleichterung über die positiven Veränderungen, die für Ezekiel und Yorro eingetreten sind, Anspannung über das Schicksal von Bozan und Emile -, bleibt ein Gefühl der Hoffnung. Denn die Zuschauer*innen wurden Zeug*innen des Optimismus und des Ehrgeizes, die diese vier Männer in Zeiten extremer Not und unter katastrophalen Bedingungen bewahrt hatten, vor allem durch ihre große Liebe zur Musik. . Das bestätigt Attas Absicht, der mit seinem Film versucht , “die positive Seite der Fluchterfahrung” und die “hoffnungsvolle Einstellung, die diese Menschen mitgebracht haben” zu zeigen. In Interviews erklärt der Regisseur, er hoffe der Film würde die Gesellschaften und politischen Entscheidungsträgeri*innen in der E.U. und in Großbritannien positiv beeinflussen, indem er die Wahrnehmung von Geflüchteten verändert und ihre beeindruckende Widerstandsfähigkeit zum Vorschein kommen kann.


Die ganze Dokumentation gibt es hier.

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